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Sein Auftrag: sie zu schützen. Ihr Schicksal: ihn zu retten.

Nigels Leben besteht aus zwanglosen Frauengeschichten und Alkohol, als seine ehemalige Kollegin Violet ihm einen Job anbietet: Der Ex-Navy-SEAL soll die reiche und schöne Grace als Bodyguard schützen. Seit einiger Zeit erhält sie Morddrohungen, doch die Polizei hat noch keine Spur zum Täter.

Nigel zieht in ihr Haus, und obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Welten kommen, fühlen sie sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Grace weckt längst vergessene Gefühle in dem sonst so verschlossenen Mann. Nigel ist sich sicher, dass er Grace beschützen kann. Doch die Gefahr ist größer, als beide ahnen ...

Der packende zweite Band der Romantic-Suspense-Reihe von Nicci Cole. Spannend und heiß bis zur letzten Seite.

eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert. 

 
Kapitel 1  
 
Das verdammte Telefon hörte einfach nicht auf, zu klingeln. Irgendwer versuchte beharrlich, ihn aus dem Bett zu holen. Wenn er die Kraft hätte, würde er das Ding entweder an die Wand knallen oder sich das Kissen über den Kopf ziehen. Aber beides war definitiv zu anstrengend.
Kurz versuchte Nigel, sich daran zu erinnern, was er gestern gemacht hatte, doch selbst das war zu mühsam. Spielte auch keine Rolle, das nervtötende Klingeln wollte einfach nicht aufhören. Also streckte er schließlich doch quälend langsam den Arm aus und tastete nach seinem Handy. Er öffnete die Augen nur Millimeter, um das grüne Symbol zum Abheben zu finden, und murmelte ein »Ja?«
»Na, aus welcher Ecke habe ich dich denn rausgeklingelt?« Die weibliche Stimme mit dem leicht sarkastischen Unterton wirkte wie ein Eimer kaltes Wasser. Adrenalin flutete seinen Körper und brachte sein System halbwegs zum Funktionieren. »Boobs! Was willst du?«
Ihr lautes Lachen sorgte dafür, dass er das Telefon ein wenig weiter weghielt. »So hat mich schon seit Jahren keiner mehr genannt.«
»Ruf nicht an, wenn du es nicht hören willst.«
»Guter Punkt.« Sie seufzte. »Bist du nüchtern und allein?«
Nüchtern konnte er mit Sicherheit ausschließen. Stöhnend drehte er den Kopf nach rechts und sah ein Büschel langer blonder Haare. Allein war er wohl auch nicht.
»Nein und nein.«
»Dann sorg dafür, dass es heute Abend so ist, wenn ich dich abhole. Ich habe einen Job für dich.«
Ihre Worte kamen in seinem Kopf an, ergaben aber irgendwie keinen Sinn. »Ein Job?«
»Ja. Ein verdammt guter noch dazu. Dafür musst du allerdings nüchtern sein und auch für eine Weile bleiben. Schaffst du das?«
Er nickte und verzog stöhnend das Gesicht.
»Ich nehme das mal als ›Ja‹. Es geht um den Schutz einer Freundin und …«
Nigel hielt das Handy ein wenig weiter vom Ohr weg und sagte: »Kannst du mir das einfach schicken? Ich bin gerade nicht in der Verfassung, zu denken.«
Daraufhin schwieg sie und sagte schließlich: »Okay, Infos auf’s Handy. Und sieh zu, dass du einen dunklen Anzug trägst. Bis heute Abend.«
Er schloss die Augen und murmelte: »Zu Befehl.« Und nach einer kurzen Pause: »Danke, Violet.«
»Keine Ursache.« Sie legte auf und er ließ das Handy sinken.
Violet Drake! Was für eine verdammte Scheiße. Johnson, fuhr es ihm durch den Kopf. Sie heißt inzwischen Violet Johnson und ist mit so einem feinen Pinkel verheiratet. Einem mit Anzug und Haus in den Hollywood Hills. Sie besucht tatsächlich Spendengalas. Zur Hölle mit Violet.
Er schloss die Augen und versuchte, wieder in den Schlaf zu finden. Doch das war aussichtslos. Sie hatte einen Job für ihn. Ihre Jobs waren immer gut. Dinge, bei denen er seine Talente einsetzen konnte. Auch wenn er nicht viele davon besaß. Eines war sicherlich sein Aussehen. Zumindest dann, wenn er sich am Riemen riss und nicht zu sehr gehen ließ. Diesmal war er noch nicht völlig am Boden. Noch zog er jeden Tag sein Trainingsprogramm durch, und es gab Abende, an denen er nüchtern und allein ins Bett ging.
Dieser Gedanke veranlasste ihn, zu der Frau neben sich zu schauen. Er konnte sich beim besten Willen nicht an ihren Namen erinnern oder daran, wie sie in sein Bett gekommen war.
Langsam und vorsichtig setzte er sich auf und sah sich im Zimmer um. Das benutzte Kondom neben dem Bett brachte ihn dazu, einen Mundwinkel leicht nach oben zu ziehen. So am Arsch war er also nicht gewesen, dass er das vergessen hätte. Besser wäre allerdings gewesen, wenn er es danach verknotet hätte.
Fluchend stand er auf und wünschte, er wäre sitzen geblieben. Eigentlich brauchte er noch mindestens sechs Stunden Schlaf. Aber so viel Zeit hatte er nicht. Also würde er sich wohl durchbeißen müssen. Auch nicht das erste Mal.
Zuerst musste er ins Bad und etwas gegen die Kopfschmerzen einwerfen. Dann die Frau loswerden. Er schleppte sich zum Arzneischrank, schluckte zwei Aspirin, putzte sich die Zähne und nahm eine Dusche. Das machte es nicht gut, aber weniger schlimm.
Jetzt zu der Frau. Die Sache war einfacher, wenn er sich rausschleichen konnte. Aber er hatte sie mit zu sich nach Hause gebracht, also musste er sie jetzt loswerden.
Er trat neben das Bett und zog die Decke weg. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, aber der Körper war nett. Er stand einfach auf Frauen mit kleinen Polstern an den richtigen Stellen. Vielleicht, weil sie so anders waren als Violet. Sie war Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sie ihm immer wieder den Arsch rettete. Fluch, weil er sie nie bekommen würde. Was auch gut so war. Denn sicherlich hätte sie ihn in den Wahnsinn getrieben. Aber das Herz wollte, was es wollte. Und so lange er Violet hinterhertrauerte, hatte er kein Bedürfnis, sich anderweitig zu binden. Win / win sozusagen.
Jetzt sollte seine Sorge erstmal sein, wie er diese Frau schnellstmöglich aus seinem Bett und der Wohnung bekam. Er stupste sie unsanft an der Schulter, und sie drehte sich zu ihm. Ihre Wimperntusche war zerlaufen und der Lippenstift verschmiert, aber sie war ganz hübsch. Sicher hatte sie es nicht verdient, von ihm einfach so vor die Tür gesetzt zu werden. Doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen.
»Hey, Dornröschen! Es wäre toll, wenn du deine sieben Sachen zusammenpackst und verschwindest.«
Sie sah aus großen Augen zu ihm auf.
»Hör zu, ich habe keine Zeit für das ganze Hin und Her. Es war sicherlich nett mit uns, aber ich weiß weder, wie du heißt, noch wo ich dich aufgesammelt habe. Und ich habe auch nicht vor, das zu ändern. Also erspar dir und vor allem mir eine Szene und verschwinde einfach, ja?« Nicht gerade nett oder diplomatisch, allerdings die Wahrheit. Jetzt konnte er nur hoffen, dass sie keine große Affäre aus dieser Nummer machte.
»Ich hätte es wissen müssen«, maulte sie. »Lass dich nie mit einem von denen ein. Die haben weder Manieren noch sonst was.« Sie erhob sich und suchte auf dem Boden nach ihrer Wäsche.
Seufzend griff er nach ihrem Kleid und drückte es ihr in die Hand. »Erspar mir das, ja? Ich muss los.«
Sie schnaubte und griff übertrieben langsam nach ihrem Kleid. »Wenn du irgendwohin willst, solltest du etwas gegen deine Fahne tun. Du stinkst wie ein Schnapsladen. Keine gute Kombi mit deinem Scheißcharakter und deiner Hautfarbe.«
Nigel seufzte übertrieben laut. »War ja klar. Unter all den notgeilen Tussen muss ich mir die rassistische Schlampe aussuchen.« Er wedelte mit der Hand in Richtung Tür. »Lass das mal meine Sorge sein, Kleine. Auf Nimmerwiedersehen.«
Sie hob beide Brauen und sah ihn geringschätzig an. »Der Sex war schon mies, aber das hier toppt alles. Hast du eine Ahnung, wer ich bin?«
Augen rollend nahm er sie am Arm und zog sie zur Tür. »Nein, und es interessiert mich auch nicht. Also dann, noch ein schönes Leben.« Mit diesen Worten schubste er sie aus der Wohnung und knallte die Tür hinter ihr zu.
Ihre schrille Stimme hallte im Treppenhaus wider: »Das wirst du noch bereuen, du Bastard.«
Eine Frau nackt ins Treppenhaus abzuschieben war sicher ein Tiefpunkt in seinem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Andererseits musst er sie hier im Viertel aufgegabelt haben. Sie sollte Schlimmeres gewohnt sein. Kurz fragte er sich, was eine blonde, weiße Frau eigentlich hier zu suchen hatte. Normalerweise traf man in Watts ausschließlich auf Hispano- oder Afroamerikaner. Er schob den Gedanken beiseite.
Im Geiste machte er sich eine Notiz, nie wieder eine Frau in seine Wohnung mitzunehmen. Vielleicht solltest du einfach weniger saufen, dann wäre auch schon einiges besser. Dieser Gedanke brachte ihn zum Grinsen. Wenn der neue Auftrag interessant genug war, würde das sicher helfen, häufiger nüchtern zu sein.
Jetzt sollte er erstmal versuchen, etwas in den Magen zu bekommen, zwei bis fünf starke Kaffee trinken und sich dabei anschauen, was Violet ihm geschickt hatte.
Sein Kühlschrank gab nicht viel her, aber er fand zwei Stück Pizza vom Vorabend. Sie lagen noch im Karton auf dem Sofa. Auf dem Tisch davor stapelten sich leere Schnapsflaschen sowie Essensreste verschiedenen Alters. Vielleicht sollte er demnächst mal wieder eine Aufräumaktion starten. Aber ganz sicher nicht jetzt.
Die Pizza sollte seinen ersten Hunger stillen. Später würde er einkaufen gehen. Während er darauf wartete, dass der Kaffeeautomat – sein einziger Luxus – startete, schnappte er sich sein Handy und sah, dass Violet letzten Abend mehrfach versucht hatte, ihn zu erreichen. Fuck! Aber leider nicht mehr zu ändern. Seufzend rief er das erste der drei Dokumente auf, die sie geschickt hatte.
Es enthielt ein Dossier. Violet hatte eine Notiz dazu verfasst: Das ist meine älteste Freundin, also Finger weg!
Als ob er mit einer Klientin was anfangen würde. Violet kannte ihn wohl doch nicht so gut, wie sie dachte.
Er blinzelte mehrmals, da die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen. Das Handydisplay war einfach zu klein für seinen Zustand. Also schaltete er den Drucker ein und druckte das Dossier aus. Das erste, was er sah, war ein Hochzeitsfoto. Es zeigte wohl die besagte Freundin zusammen mit einem Kerl, an dem alles nach Geld stank. Sicher fünfzehn Jahre älter als seine Frau, mit einem Lächeln, das in Nigel den dringenden Wunsch weckte, es ihm aus dem Gesicht zu schlagen. Unter dem Bild stand: Grace und Dalton Farell und ein Datum von vor sieben Jahren.
Er nahm sich ein Stück Pizza, biss hinein und ließ sich aufs Sofa fallen. Mal sehen, worum es eigentlich geht.
Als Nächstes fand er eine Todesanzeige eben jenes Dalton Farell. Verstorben vor einer Woche. Die Trauerfeier sollte heute Nachmittag sein, die Beisetzung der Urne im kleinen Kreis eine Woche später. Wie es aussah, würde er heute Mittag mit Violet zu dieser Feier gehen.
Der Kaffeeautomat piepte und Nigel schnappte sich die randvolle Tasse. Beim letzten Dokument handelte es sich um ein Dossier über Grace Farell. Einunddreißig, Kostümbildnerin. Keine Kinder, Witwe. Ihr Mann, Dalton Farell, war vor einer Woche tot in einer leerstehenden Villa in Hollywood Dell gefunden worden. Offizielle Todesursache: tödliche Schusswunde im Kopf. Mögliche Verbindung zum organisierten Verbrechen.
Nigel sollte als Bodyguard für die Witwe arbeiten. Die Summe, die als Bezahlung dort stand, war unverschämt hoch. »Verdammt gut«, hatte Violet gesagt. Fucking Shit, ja! Mit drei Monaten Arbeit würde er für ein Jahr ausgesorgt haben. Das war ein Job nach seinem Geschmack.
Die Tabletten, die Pizza und der Kaffee halfen gegen den schlimmsten Kater. Er würde sich noch für ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Eine schnelle Joggingrunde und ein paar Übungen danach sollten helfen, den Restalkohol auszuschwitzen. Wäre doch gelacht, wenn er es nicht schaffte, halbwegs präsentabel bei dieser Trauerfeier zu erscheinen.
 
Kapitel 2  
 
»Scheiße Nigel, du hast auch schon mal besser ausgesehen.« Violets Stirnrunzeln ließ ihn grinsen.
»Charmant wie immer, Boobs. Du vergisst, dass ich auch schon schlechter ausgesehen habe.« Er zog sie in eine Umarmung. Der stechende Blick von Violets Mann Maxton veranlasste ihn jedoch, sie sofort wieder loszulassen. Er wollte einen Job und keinen Streit mit diesem Kerl. Maxton Johnson war er bisher nur einmal kurz auf der Hochzeit mit Violet begegnet. Für seinen Geschmack schon ein Mal zu oft.
Johnson schien das ähnlich zu sehen, denn er ignorierte Nigel und wandte sich stattdessen an seine Frau. »Du lässt dich von ihm Boobs nennen?«
»War mein Rufname bei den SEALS.« Sie lächelte schwach. »Weil ich die einzige Frau war. Habe ich das nie erzählt?«
»Sehr originell.« Maxton schüttelte den Kopf und seine Haltung machte deutlich, dass ihm der spaßige Teil komplett entging.
Nigel streckte Johnson die Hand entgegen. Es konnte ja nicht schaden, freundlich zu sein. Der ergriff sie und schüttelte sie eine Spur zu fest. Dabei taxierte er ihn von oben bis unten, sagte jedoch nichts.
Auch Nigel nahm sein Gegenüber in Augenschein. Genau wie beim ersten Mal fragte er sich, was Violet an dem Kerl fand. Er entsprach dem Typ Mann, über den sie sich immer zusammen lustig gemacht hatten. Ein Kerl für eine Nacht, aber nicht fürs Leben. Einer, der nie bei der Army gewesen war und keine Ahnung davon hatte, was es hieß, Soldat zu sein.
»Hey ihr zwei. Packt euer Testosteron ein und lasst uns fahren. Wir müssen noch Sam abholen.« Violet wedelte mit der Hand in Richtung Auto.
»Thunder macht auch mit?« Diese Neuigkeit überraschte Nigel. »Ich dachte, der arbeitet bei diesem großen Unternehmen in Hollywood für die Stars.«
»Steig ein und ich setz dich ins Bild.« Violet öffnete ihm die Tür zum Rücksitz des schwarzen SUV und setzte sich neben ihn. Maxton nahm auf dem Fahrersitz Platz und startete den Wagen.
Sobald sie fuhren, sah Violet mit gerunzelter Stirn zu Nigel. »Das ist das letzte Mal, dass ich dich morgens in diesem Zustand antreffe, ist das klar?«
»Hättest du mir gestern gesagt, dass ich heute im Einsatz bin, wäre ich nüchtern gewesen.« Er lächelte, weil er wusste, das würde sie beruhigen. Meistens funktionierte das. Heute nicht.
»Das habe ich versucht, du Genie. Du bist nicht an dein Handy gegangen.« Sie sah ihn tadelnd an. »Versprich es mir, Nigel. Es geht hier um das Leben meiner Freundin und da verstehe ich keinen Spaß. Wenn dein Alkoholkonsum ein Problem ist, will ich das jetzt wissen.«
»Scheiße, Violet, ich habe das im Griff, okay?«
Sie kniff die Augen zusammen, musterte ihn von oben bis unten und sagte dann: »Okay. Du sahst schon schlimmer aus. Aber ich habe ein Auge auf dich und Sam auch.«
»Ihr überwacht mich also? Ist Sam deshalb dabei?« Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Klar, er war in den letzten Jahren kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber er hatte auch nie einen Einsatz versaut. Wenn man ihn brauchte, war er immer voll da.
»Ich würde es nicht direkt überwachen nennen. Sagen wir, wir kennen dich und deine Totalabstürze.«
»Musst du immer gleich so übertreiben?« Langsam stieg Wut in ihm auf. »Verdammt, Boobs, ich habe euch in Somalia den Arsch gerettet! Warum bin ich hier, wenn du mir nicht vertraust?«
»Ich würde dir jederzeit mein Leben anvertrauen, solange du …«
»Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden, lass es sein.« Nigel räusperte sich und atmete tief durch. »Also, warum Thunder?«
»Wir brauchen einen dritten Mann. Du wirst die Hauptschicht übernehmen. Aber irgendwann musst du schlafen und dann übernehmen entweder Sam oder ich. Ich will ein Team, mit dem ich blind arbeiten kann. Und Sam braucht etwas Abwechslung.«
»Wieso? Nicht spannend genug mit den Geldsäcken?«
Violet winkte ab. »Lass es dir von ihm erklären.«
Gerade wollte Nigel weiter nachfragen, da hielt der Wagen und Violet öffnete die Tür.
»Ihr werdet noch genug Zeit haben, alles ausführlich zu diskutieren. Aber heute geht es erst einmal um Grace.« Mit diesen Worten stieg sie aus und umarmte Sam. Ihr Mann verließ ebenfalls den Wagen und begrüßte Sam mit einem Handschlag. Interessant. Bei Sam war er deutlich weniger feindselig. Die beiden plauderten sogar kurz freundschaftlich, bevor alle wieder einstiegen.
Sam kam zu ihm auf den Rücksitz und nickte kurz zur Begrüßung. Violet stieg vorn ein, drehte sich nach hinten und sagte: »Ihr habt eure Dossiers gelesen?«
Nigel nickte und Sam fragte: »Kopfschuss bedeutet Hinrichtung, oder? Warum erst jetzt die Bodyguards, wenn das alles schon eine Woche her ist?«
»Weil wir eigentlich nicht angenommen hatten, dass Grace in Gefahr ist. Aber seit gestern bekommt sie Drohbriefe. Sie sei die Nächste und solche Sachen. Deshalb haben wir beschlossen, dass sie Schutz braucht. Ich kann das nicht allein übernehmen und ihr seid meine erste Wahl.«
»Also arbeiten wir drei wieder im Team?« Es war Sam, der die Frage stellte. »In Schichten? Du weißt, dass ich im Moment nur Spätschichten übernehmen kann. Tagsüber bin ich im Dienst.«
»Das ist kein Problem.« Ein Lächeln huschte über Violets Gesicht. »Nigel bekommt die Tagschicht von acht bis Mitternacht. Wir beide übernehmen abwechselnd die Nachtschicht. Klingt das gut?«
Zu seinem Leidwesen musste Nigel sich eingestehen, dass er doch noch nicht wieder ganz so fit war, wie er sich das gewünscht hätte. Die Unterhaltung ließ den Schmerz in seinem Schädel erneut anschwellen. Vielleicht hätte er sich anstelle von Sport lieber noch ein wenig mehr Schlaf gönnen sollen. Jetzt war es dafür zu spät. Also sparte er sich einen Kommentar und nickte nur vorsichtig. Das brachte ihm einen schrägen Blick von Sam ein.
»Ich dachte, wir hätten dich letztes Jahr wieder auf Spur gebracht. Wie kommt es, dass du schon wieder am Arsch bist?«
»Ich bin nicht am Arsch.«
»Benimmst dich aber so.«
Nigel zeigte ihm den Finger, schloss die Augen und murmelte: »Lasst mich einfach in Ruhe, bis wir da sind.«
Ein Schnauben von Sam und ein genervter Lacher von Violet waren die Antwort. Aber es war ihm egal. Wichtig war die Ruhe. Er konzentrierte sich auf seinen Atem und blendete alles andere aus. Atmen und damit jeden Schmerz, jede Wut und jede Unzulänglichkeit in die Welt entlassen. Er würde das schaffen und einen guten Job machen. So wie immer. Was er davor und danach tat, ging niemanden etwas an. Schon gar nicht diese beiden, die er zwar immer noch als Freunde bezeichnete, die jedoch einen Weg eingeschlagen hatten, der nicht seiner war. Hollywoods Glitzerwelt war nichts für ihn. Er würde diesen Job erledigen und danach tun, was er am besten konnte: In den Tag hineinleben und dieses verschissene Leben in vollen Zügen genießen.
 
Kapitel 3 
 
Die ganze Szene kam Grace surreal vor. Fast wünschte sie, sie hätte das Valium genommen, dass der Arzt ihr nach dem Tod ihres Mannes verschrieben hatte.
Doch sie wollte bei dieser Gedenkfeier nicht den Eindruck einer Frau erwecken, die mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt war. Sie ließ den Blick durch den dezent geschmückten Saal gleiten und verharrte beim geöffneten Sarg. Sie hatte noch nicht den Mut gefunden, Daltons Leichnam gegenüberzutreten.
Nicht, weil sie seinen Anblick fürchtete. Von der Schusswunde sollte Dank des erstklassigen Thanatologen nichts mehr zu sehen sein. Das war auch nicht ihre Sorge. Sie fürchtete, dass mit seinem Anblick im Sarg die ganze Tragweite seines Todes über sie hereinbrechen würde. Es fiel ihr schwer, alle Konsequenzen in ihrer Gänze zu erfassen. War sie wirklich frei?
Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich. Es war nicht alles schlecht gewesen. Dalton hatte sie damals aus Verhältnissen geholt, in die sie nie wieder zurückwollte.
»Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Ms Farell?« Sie hatte den Bestatter nicht kommen hören und zuckte leicht zusammen.
»Ja, alles ist wunderschön und dem Anlass angemessen. Danke.« Nichts als Floskeln. Seit Daltons Tod begegnete sie nichts anderem mehr. Die vielen Beileidsbekundungen, Hilfsangebote und gut gemeinten Ratschläge spiegelten etwas wider, was sich Grace nie hatte eingestehen wollen: Die Welt, in die sie hineingeheiratet hatte, war zu einhundert Prozent Schein. Niemanden interessierte es, wie es ihr wirklich ging, was sie dachte oder fühlte. Sie war sicher, dass jeder einzelne, der ihr seine Hilfe angeboten hatte, in Panik verfallen wäre, wenn sie das Angebot angenommen hätte.
Hinter ihr öffnete sich eine Tür und sie hörte leise Stimmen. Sie erkannte die von Maxton und Violet, und ein Lächeln trat auf ihre Züge. Violet und ihr Mann bildeten die einzige Ausnahme. Mehr als einmal hatte sie dem Universum dafür gedankt, dass Violet vor zwei Jahren in ihr Leben zurückgekehrt war. Sie war völlig anders als die Frauen der Upperclass, mit denen Grace sonst verkehrte. Seit ihrer gemeinsamen Kindheit damals auf dem U.S. Stützpunkt in Deutschland waren sie Freundinnen, die immer zusammengehielten. Auch wenn sie sich zwischendurch aus den Augen verloren hatten.
Vielleicht lag es auch daran, dass sie beide nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden waren. Doch im Gegensatz zu Grace hatte sich Violet so ein Leben auch nie gewünscht. Sie war eine Ex-Navy SEAL und jeder Situation gewachsen. Es war ihr auch egal, was andere über sie sagten. Sogar heute trug sie ein Kleid ohne Ärmel, was einen freien Blick auf ihre Tattoos und die Narben ließ. Sie schämte sich nicht dafür, wer sie war.
Das tust du auch nicht, also hör auf, dich kleinzumachen! Sie lächelte über sich, wurde aber sofort wieder ernst. Das hier war eine Trauerfeier. Da erwartete niemand eine lächelnde Witwe.
»Hey.« Violet kam auf sie zu und zog sie kurz in eine Umarmung.
Maxton folgte. Sie mochte Violets Mann. Er gehörte zwar in jeder Hinsicht zu den Reichen und Schönen, war aber ganz anders als Daltons Freunde.
»Das sind Samuel Tanaka und Nigel Cadwell«, stellte Violet zwei weitere Männer vor, die sie begleiteten. Der eine hatte eindeutig japanische Vorfahren, der andere war Afroamerikaner und … Grace hielt für einen kurzen Moment die Luft an. Der Mann sah unverschämt gut aus. Eine breite Nase und volle Lippen passten sich harmonisch in ein schmales, kantiges Gesicht ein. Die Haare trug er auf wenige Millimeter getrimmt, die Wangen glattrasiert. Sein Anblick ließ sicher jede Menge Frauenherzen höherschlagen.
»Samuel Tanaka zu Ihren Diensten, Ma’am.« Der Japaner streckte ihr die Hand entgegen und Grace schüttelte sie freundlich.
»Nigel Cadwell.« Auch der andere ergriff ihre Hand. Sie legte den Kopf leicht schief und suchte seinen Blick. Seine Augen schimmerten schwarz und er kniff sie ein klein wenig zusammen, bevor er ein leises »Ma’am« hinzufügte.
Sein Händedruck war eine Spur zu fest und zu lang, fast intim. Beim Lächeln hob er nur einen Mundwinkel an, was ihm etwas Jungenhaftes, Leichtes gab. Dennoch zweifelte Grace nicht daran, dass er tödlich sein konnte, wenn es darauf ankam. Es war diese Mischung, die ihr unter die Haut ging. Beinahe hätte sie zurückgelächelt, zwang ihr Gesicht aber mit größter Anstrengung in eine trainierte Maske kühler Eleganz. »Angenehm.« Sie beachtete ihn nicht weiter und wandte sich Violet zu. »Können wir uns unterhalten?«
In Momenten wie diesem war sie froh für die Unterweisungen, die ihr verstorbener Mann ihr erteilt hatte. Gleich zu Beginn ihrer Beziehung hatte er deutlich gemacht, dass sie niemals zu freundschaftlich mit den Angestellten umgehen durfte. Klare Ansagen und immer distanziert war sein Motto. Alles andere führte nur dazu, dass man ausgenutzt wurde. Distanz schien ihr im Moment genau das Richtige zu sein.
Der Mann verschränkte die Hände hinter dem Rücken und nahm eine militärische Haltung an. Das führte erneut dazu, dass ihr Herz aus dem Takt geriet. Sie wusste, dass es unpassend war, aber zur Hölle, sie war nicht tot und nicht verantwortlich dafür, wenn ihr Körper auf einen Mann reagierte. Und für dieses Exemplar hatte sie nur ein Wort: heiß. Violet trat an ihre Seite und legte eine Hand auf ihren Arm. »Lass uns einen Platz suchen, an dem wir ungestört reden können.«
Grace hakte sich bei Violet ein und deutete auf eine Tür. »Dort gibt es einen kleinen Raum, in den wir uns zurückziehen können, bis die restlichen Gäste eintreffen.«
»Wunderbar, dann lass uns dorthin gehen. Max, es macht dir doch nichts aus, hier zu warten?« Der schüttelte den Kopf, setzte sich auf einen Stuhl und zog sein Smartphone aus der Tasche. Anschließend sah Violet zu den beiden Bodyguards. »Ihr wartet vor der Tür.« Mit diesen Worten marschierten sie los.
Der Raum war nur wenige Quadratmeter groß, aber freundlich und gemütlich eingerichtet. Zwei helle Sessel umrahmten einen dunklen Beistelltisch, auf dem Kaffee und Wasser bereitstanden.
Eine Palme, deren Blätter fast bis zur Decke reichten, schuf eine behagliche Atmosphäre, unterstrichen durch große Leinwanddrucke eines Traumstrandes. Wer auch immer diesen Raum entworfen hatte, hatte ein gutes Händchen für Einrichtung. Deine Mechanismen funktionieren, lobte sich Grace selbst. Wenn sie aufgewühlt war und Mühe hatte, ihre kühle Maske aufrechtzuerhalten, beruhigte sie sich, indem sie ihre Umgebung in sich aufnahm.
»Möchtest du etwas trinken?« Violet setzte sich und griff nach einer Wasserflasche, um sich einzuschenken. Doch Grace schüttelte den Kopf.
»Nein, danke.« Auch sie ließ sich auf einem Sessel nieder.
»Hör zu, Kelly. Bevor das hier losgeht, muss ich dir ein wenig über Nigel erzählen, er …«, setzte Violet an, verstummte aber sofort wieder, als sie Graces Blick sah. »Er ist tot, Kel-ly.« Sie betonte jede Silbe. »Ich werde nie aufhören, dich so zu nennen. Grace ist so …« Violet schüttelte sich. »Es klingt nicht richtig für mich.«
»Bitte, Violet. Inzwischen bin ich Grace, mit Haut und Haaren. Kelly würde dem Druck und allem hier nicht standhalten. Sie würde völlig austicken alle und jeden beleidigen und irgendeine Dummheit anstellen. Grace ist tough und kühl genug, alles zu meistern. Nimm mir das nicht.« Was sie sagte, stimmte und war doch falsch. Grace Farell, die Frau, die Dalton Farell geschaffen und geformt hatte, würde diesen Nachmittag und auch die folgenden Wochen mit Bravour überstehen. Selbst mit den Drohbriefen konnte Grace halbwegs umgehen. Kelly Price hingegen … Grace war sich nicht sicher, wie viel von diesem Mädchen noch in ihr steckte. Sie schüttelte den Gedanken ab und sah zu ihrer Freundin.
Die schnaubte nur, sagte jedoch kein Wort mehr dazu. »Wo wir gerade von Dummheiten reden: Sam ist eine Bank. Aber Nigel ist manchmal ein wenig …« Abwägend hob Violet die Hände. »Er ist manchmal zügellos, säuft, dröhnt sich zu, übertreibt es bis an die Schmerzgrenze und lässt sich gehen. Aber …«, jetzt zeigte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht, wie Grace es lange nicht mehr bei ihr gesehen hatte. »Aber er ist auch der verdammt noch mal beste Soldat und Bodyguard, den ich kenne. Es gibt keinen besseren.«
»Okay. Warum erzählst du mir das?«
»Weil ich Augen im Kopf habe. Ich habe gesehen, wie du ihn angeschaut hast.«
»Ach und wie war das?«
»Wie ein Steak, das du gern kosten würdest.« Sie zwinkerte Grace zu. »Aber Nigel ist nicht, was du willst.«
Grace beschloss, diesen Kommentar zu ignorieren. Im Prinzip sagte Violet ihr nichts, was sie nicht schon geahnt hätte: Männer, die ihr gefielen, waren nie gut für sie. Außerdem hatte sie schon immer am liebsten das gewollt, was sie nicht haben konnte. Um sich abzulenken, fragte sie: »Er trinkt also? Was bringt dich zu der Annahme, dass er nüchtern und fit sein wird?«
»Erfahrung. Ich kenne Nigel seit acht Jahren und würde ihm jederzeit mein Leben anvertrauen. Selbst dann, wenn er gesoffen hat. Was er nicht tut, wenn er einen Job hat. Was ihm zu schaffen macht, sind die Zeiten dazwischen. Aber das kann dir egal sein. Du bist sein Auftrag und er wird sich dem mit Leib und Seele widmen. Mein Wort darauf.«
Grace faltete die Hände im Schoß und betrachtete eines der Strandbilder an der Wand. Es war nicht so, dass sie Violet nicht vertraute. Es war eher so, dass sie immer noch Probleme hatte, ihre Jugendfreundin mit der Frau in Einklang zu bringen, die sie vor ein paar Jahren wiedergetroffen hatte. Als Jugendliche war Violet all das gewesen, was ein typisches amerikanisches Teenagermädchen ausmachte: Cheerleaderin, modebewusst, nie ungeschminkt. Niemals hätte sie gedacht, dass ihre Freundin zur Army gehen und dann auch noch als erste Frau die Aufnahme bei den Navy SEALS schaffen würde.
Doch auch dieses Kapitel lag inzwischen hinter Violet. Heute war sie erfolgreiche Unternehmerin, Ehefrau des smarten, reichen Videospieleentwicklers Maxton Johnson und schöner als je zuvor.
Das alles sagte Grace natürlich nicht laut. Es half ihr aber, ihre Gedanken zu ordnen. Sie lächelte und nickte. »Gut, ich werde das alles berücksichtigen. Wer übernimmt die Schicht heute?«
»Heute sind wir alle zu deinem Schutz hier.« Violet trank einen Schluck und sprach dann weiter. »Nach der Feier fahren wir zu dir, zeigen Sam die Räumlichkeiten und alles, was sonst noch wichtig ist. Nigel packt derweil und zieht morgen früh bei dir ein. Ich bleibe so lange bei dir. So weit okay für dich?«
Nichts in ihrem Leben war okay. Aber weil Grace das natürlich nicht sagen konnte, nickte sie nur, erhob sich, strich ihr Kleid glatt und sagte. »Das klingt ganz hervorragend.«
Sanft legte sich Violets Hand von hinten auf ihre Schulter. »Vor mir musst du nicht die Fassung wahren. Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht.«
»Würde es dir auch nicht, wenn dein Mann ermordet worden wäre und du Drohbriefe bekämst. Ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, auch mit einer Kugel im Kopf zu enden.«
»Das wirst du nicht.« Violet trat jetzt neben sie und sah ihr offen ins Gesicht. »Nigel und ich sind morgen bei deinem Polizeitermin dabei. Die Mordkommission hier versteht ihr Handwerk.«
Grace nickte. Das musste sie wohl glauben. Als Inhaberin einer Detektei kam Violet schließlich häufiger mit der Polizei in Kontakt. Sie zwang ihre Gedanken weg von den Drohungen und hin zu der Aufgabe, die ihr an diesem Nachmittag bevorstand. Eine würdige Trauerfeier für ihren verstorbenen Mann ausrichten.
Entschlossen straffte Grace ihren Körper. Sie hatte bis hierher überlebt, da sollte die Zukunft ein Klacks sein.

Kapitel 4 

Die Feierlichkeiten zogen sich wie Kaugummi. Obwohl Nigel eine weitere Tablette gegen seinen Kater geschluckt hatte, brachten die Kopfschmerzen ihn an den Rand des Erträglichen.
Ihm war klar, dass Violets Anruf ihn wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig vom Abgrund geholt hatte. Wenn der Kater den ganzen Tag nicht verschwinden wollte, war er für gewöhnlich über den Punkt hinaus, an dem er sich einreden konnte, es sei alles in Ordnung. Für gewöhnlich. Bei diesem Gedanken grinste er innerlich. Zweimal war das in seinem Leben passiert. Zum ersten Mal mit siebzehn. Das hatte zu seinem Eintritt in die Army geführt. Und dann vor etwa einem Jahr, nach seinem Austritt.
Anschließend hatte er es monatelang geschafft, sich am Riemen zu reißen, immer wieder verschiedene Jobs gehabt und sein Leben halbwegs in geordneten Bahnen gehalten. Wenn er jetzt darüber nachdachte, konnte er den Punkt nicht finden, an dem ihm erneut die Kontrolle entglitten war.
Aber das spielte auch keine Rolle. Ab heute würden seine Tage wieder Struktur haben und er eine Aufgabe, die seine volle Aufmerksamkeit erforderte. Er sah zu Grace Farell, die mit versteinerter Miene drei Plätze neben ihm saß und den Ausführungen irgendeines feinen Pinkels lauschte. Er kannte Frauen wie sie. Groß, blond, schlank, wunderschön und sich ihrer Ausstrahlung bewusst. Der Name Grace passte zu ihr. Verdammt, er starrte sie an. Schnell senkte er den Blick und versuchte zu ignorieren, was passiert war, als er sie berührt hatte. Wüsste er es nicht besser, würde er sagen, da seien Funken geflogen.
Der Augenblick war allerdings schnell vergangen. Zu ihrem Wesen gehörte die typische Arroganz reicher Menschen. Ihr geringschätziger Blick hatte mehr gesagt als tausend Worte. So war er schon zu oft behandelt worden. Als sei er nicht mehr als eine Made im Dreck. Doch davon würde er sich nicht beirren lassen. Er würde gute, professionelle Arbeit leisten und das Geld nehmen.
Endlich hatte auch der letzte Redner seine Lobpreisungen auf den Verstorbenen ausgesprochen und die Menschenmassen lösten sich langsam auf. Routiniert ließ er den Blick über die Menge gleiten, sah aber keine Auffälligkeiten. Nur noch mehr privilegiert aufgewachsene, aufgeblasene weiße Amerikaner.
Erneut grinste er über sich selbst. Er hatte keine Ahnung, woher dieser Gedanke kam. Denn normalerweise war ihm nichts egaler als die Hautfarbe. Vielleicht lag es an der Frau heute Morgen, die ihn beschimpft hatte. Sie hatte allerdings auch allen Grund dazu gehabt.
Nicht drüber nachdenken. Lächelnd trat er zu Violet. »Wie läuft das jetzt weiter ab?«
»Du willst den Job, nehme ich an?« Sie musterte ihn mit erhobenen Brauen.
»Ja, ich will den Job.« Mit einem leichten Stöhnen fuhr er sich über’s Gesicht. »Vorschlag: Ich hol mir ein Taxi, fahre nach Hause, haue mich zwei Stunden aufs Ohr, packe und bin um acht, wo auch immer du mich haben willst.«
»Morgen früh um Nullsiebenhundert, nüchtern und ausgeruht. Du bringst mir nicht viel, wenn du in diesem Zustand bist. Und Ke… Grace erst recht nicht. Die Adresse hast du.«
Er nickte. »Danke, Boobs. Du bist die Beste.«
»Schön, dass es dir auffällt. Verschwinde.«
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Kurz hatte er überlegt, ob er sich von seinem zukünftigen Schützling verabschieden sollte. Aber die schien im Moment keinen gesteigerten Wert auf seine Anwesenheit zu legen. Also verabschiedete er sich nur von Sam und verließ das schicke Gebäude in den Hollywood Hills.
Sein Weg führte ihn nach Süden. Seine Wohnung lag in Watts, einem der ärmsten Stadtteile von Los Angeles. Doch das Appartement war günstig und ihm machte die Nachbarschaft nichts aus. Außerdem lebten in der Gegend einige Veteranen, mit denen er losen Kontakt hegte.
Einen Block von seiner Wohnung entfernt stieg er aus dem Taxi und kaufte zumindest das Nötigste für den Abend: Wasser, einen grünen Smoothie und ein wenig Gemüse für die Mikrowelle. Das sollte ihn besser auf die Beine bringen als Fast Food.
Als Nächstes klingelte er bei seinem Nachbarn. Sie waren zwar nicht eng befreundet, aber in dieser Gegend passte man aufeinander auf.
Bereits nach dem ersten Klingeln öffnete Emilio und grinste. »Du weißt, dass du scheiße aussiehst, Mann?«
Nigel nickte. »Erzähl mir was Neues.« Sie begrüßten sich mit Handschlag und Nigel kam gleich zur Sache. »Ich habe ab morgen einen Job in den Hollywood Hills und werde für ein paar Wochen nicht hier sein. Lust, ein wenig was dazuzuverdienen?«
»Ein Job? Hast du nicht gesagt, du wolltest nicht für diese reichen Geldsäcke arbeiten?«
»Warum ich das tue, geht dich nichts an. Ich kann auch Walther fragen, ob …« Walther war der Hausmeister des Gebäudes, mit dem sich Emilio eine Art Kleinkrieg lieferte. Emilio war der bessere Handwerker, weshalb er oft von den anderen Bewohnern des Hauses gerufen wurde. Das passte Walther natürlich nicht.
»Immer mit der Ruhe Mann. Kein Thema, klar mach ich deinen Putzdienst mit und habe ein Auge auf deine Bude.«
»Perfekt. Meine Nummer hast du, wenn was ist.«
»Jo. War’s das? Ich habe gleiche eine Verabredung und …« Er unterbrach sich und grinste. »Apropos Verabredung. Diese weiße Schlampe, die du heute Vormittag nackt in den Flur abgeschoben hast, war ein echt heißer Feger. Wenn man mal von ihrem Organ absieht. Hat das ganze Stockwerk zusammengeschrien. War aber egal, dafür kamen wir in den Genuss ihrer Titten.« Er zwinkerte Nigel zu, der sich mit einer wegwerfenden Handbewegung verabschiedete.
»Geld bekommst du, sobald ich meinen ersten Lohn habe, abgemacht?«
»Abgemacht. Bis dann, Mann.«
»Bis dann.« Nigel verabschiedete sich, betrat seine Wohnung und rümpfte die Nase. Bevor er morgen ging und bei dieser Ms Farell einzog, würde er aufräumen und putzen müssen. Sein Blick fiel auf einen Stapel dreckiger Wäsche. Und waschen. Damit würde er anfangen. Er stellte die Lebensmittel in den Kühlschrank und begann, die am Boden liegenden Kleidungsstücke einzusammeln. Sobald die erste Maschine lief, warf er sich auf’s Bett und schloss die Augen. Auch das sollte er neu beziehen. Aber jetzt musste er erst einmal schlafen.

Er wusste nicht, warum er aufgewacht war. Draußen herrschte völlige Dunkelheit und nur der normale Straßenlärm drang zu ihm hinauf. Er fischte sein Handy aus der Hosentasche. 3:33 strahlte ihm auf dem Display entgegen. Dann würde er wohl aufstehen, etwas essen, eine weitere Maschine Wäsche waschen und die Wohnung in einen Zustand versetzen, in dem es nichts ausmachte, wenn er mehrere Tage am Stück nicht hier sein würde.
Danach duschte er, packte seine Tasche und rief um 6:15 Uhr ein Uber. Je näher er den Hollywood Hills mit seinen riesigen Villen kam, umso unwohler fühlte er sich. Das war einfach nicht seine Welt. Doch er würde es durchstehen, den Mund halten und seine Arbeit machen. Was danach kam, würde man sehen.
Vor einem breiten, undurchsichtigen, silbernen Stahltor hielt das Uber an. Links und rechts davon sah man nur hohe Mauern und noch höhere Palmen. »Na, da haben sie aber einen stinkreichen Arbeitgeber, Sir.« Der Fahrer grinste ihn durch den Rückspiegel an.
Er lächelte zurück und stieg aus. Ein Blick aufs Handy: 6:53 Uhr. Perfekt. Er klingelte und hörte fast augenblicklich Violets Stimme. »Komm rein. Ich warte an der Garage.«
Das große Tor öffnete sich gerade so weit, dass ein Mensch hindurchpasste, und schloss sich dann wieder hinter ihm. Der Anblick des Gebäudes ließ ihn einen Moment innehalten. Das Haus war in den Hügel hineingebaut und erstreckte sich über drei Stockwerke. Von hier aus konnte er in jedes Zimmer hineinsehen, da die komplette Front aus Glas bestand. Aufgrund der frühen Stunde brannte nur im zweiten und oberen Stockwerk Licht. Der oberste Stock war es, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein großer, erleuchteter Pool mit Glasfront versprach einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Darin zu schwimmen musste einmalig sein.
Fast im selben Moment verdrehte er die Augen über sich selbst. Ich bin wohl doch nicht immun gegen die Vorzüge der Hollywood Glitzerwelt.
»Beeindruckend, nicht wahr?«
Er wandte den Blick vom Haus ab und sah zu Violet, die an einer schmalen Tür wartete. Daneben sah er drei Garagentore.
»Nicht schlecht.« Er nickte in Richtung der Tore. »So viele Autos, dass man drei Tore braucht?«
»Ich glaube sechs im Moment.« Lächelnd ging sie nach drinnen. »Jetzt tu nicht so als würde es dir nicht gefallen, schnelle Autos zu fahren.«
»Ich bevorzuge sichere Autos.«
»Wer’s glaubt.« Der amüsierte Tonfall nahm Violets Worten die Spitze. »Ich zeig dir erst mal alles. Grace schläft noch, will aber um acht mit uns zusammen frühstücken.«
Nigel nickte und folgte Violet in die Garage. Dort standen tatsächlich sechs Wagen unterschiedlicher Größe und Farbe. Ein schwarzer, großer SUV Chevrolet, ein weißer Maibach, eine schnittige Corvette in Silber und ein altes rotes Mini Cabrio in hervorragendem Zustand. Zwei weitere Autos befanden sich unter Abdeckplanen. Ihre niedrige Höhe ließ auf teure Rennschlitten schließen.
Violet musste seinen Blick bemerkt haben, denn sie sagte: »Ein Lamborghini und ein Ferrari. Die nutzt sie allerdings nicht.«
»Ach, und die anderen schon? Fährt sie selbst oder hat sie einen Chauffeur?«
»Einen Chauffeur. Aber das wirst du in Zukunft übernehmen.«
»Der Mini und die Corvette sind nicht sicher genug, da müssten wir …«
»Das besprichst du mit ihr. Okay? Hier durch diese Tür geht es in den Fitnessraum.« Violet tastete an der Wand nach dem Schalter und der fensterlose Raum erstrahlte in hellem Licht. Die hintere Wand war in den Felsen gehauen, die rechte und linke komplett verspiegelt. Dazwischen fand man alles, was man für ein ordentliches Training brauchte. Vom Laufband über ein Rudergerät, bis hin zu diversen Hanteln und der entsprechenden Bank war alles vorhanden.
Nigel pfiff durch die Zähne. »Nicht schlecht. Trainieren ist also schon mal kein Problem.«
»So sieht’s aus. Lass uns hochgehen.« Violet trat wieder in den Eingangsflur und Nigel folgte. Auch das großzügige Treppenhaus hatte eine Glasfront, die den Blick über die Auffahrt freigab. Je höher sie kamen, umso deutlicher wurde, dass die Aussicht tatsächlich fantastisch war. Hier lag einem wortwörtlich ganz L.A. zu Füßen.
Die Treppe öffnete sich in einen fensterlosen Raum mit mehrere Türen. Die einzige Lichtquelle war die große Glasfront im Treppenhaus. Violet deutete nach rechts. »Hinter der Tür ist die Waschküche, Waschmaschine und Trockner kannst du mitnutzen. Wenn deine Anzüge gereinigt werden müssen, häng sie da rein. Das Hausmädchen bringt sie dann in die Reinigung.«
Nigel wollte sagen, dass er seine Sachen selbst zur Reinigung bringen konnte, hielt dann aber inne. Wenn er täglich von acht Uhr morgens bis Mitternacht im Dienst war, würde er dankbar sein für jede Hilfe. Also nickte er nur und folgte Violet weiter in den großen Raum. Die Rückwand war sicher acht Meter breit und sah ebenfalls aus, als bestünde sie aus reinem Felsen. An der linken Wand hing ein überdimensionaler Fernseher, davor stand eine Couch, auf der eine ganze Footballmannschaft Platz gefunden hätte.
Zwei weitere Türen gingen nach vorn, in Richtung der Glasfront, ab.
»Das linke Zimmer gehört ihr. Das rechte werden Sam und ich uns teilen. Die beiden sind durch eine Tür verbunden. Dein Zimmer liegt oben. Komm.« Sie drehte sich um und ging zurück zur Treppe.
Getrennte Schlafzimmer also, folgerte Nigel. Warum heiratete man, wenn man dann nicht einmal das Schlafzimmer miteinander teilte?
Er folgte Violet in das zweite Geschoss, das scheinbar nur aus einem einzigen Raum mit einer riesigen Glasfront bestand. »Das hier ist sowohl Küche als auch Wohn- und Essbereich.«
Wie alles in diesem Haus sah der Raum nicht bewohnt aus.
Nigel wollte gerade etwas in die Richtung sagen, als er nackte Füße auf der Treppe hörte. Ohne jeden Zweifel sein Schützling. Unbewusst nahm er Haltung an. Sich von seiner besten Seite zu zeigen, konnte sicher nicht schaden.
Tatsächlich trat Grace jetzt in sein Sichtfeld. Was er sah, ließ ihn im ersten Moment die Stirn runzeln. Die Frau, die den Raum betrat und sich der Küche zuwandte, hatte kaum etwas mit der eleganten Dame gemein, die er gestern erlebt hatte. Das Haar trug sie in einem wilden Bun hoch am Hinterkopf. Ein viel zu großes Shirt mit einem Wappen – war es Wappen von Hogwarts? – ging ihr fast bis zu den Knien und ließ die linke Schulter frei. Wieder konnte er den Blick nicht abwenden. Heute lag es allerdings an der spärlichen Kleidung. Nach gestern hätte er nicht erwartet, Grace in so einem Aufzug zu sehen. Hatte der erste Eindruck getäuscht?
Wenn das so wäre, hätte er ein Problem. Denn der kühlen High Society Lady konnte er ohne Probleme widerstehen. Dieser Frau allerdings … Er schluckte hart und schalt sich einen Narren. Das hier war ein Job und genau so würde er sie auch behandeln. Punkt.
In diesem Moment sah sie sich um und bemerkte Nigel und Violet.
»Hier seid ihr«, sagte sie lächelnd. Gerade so, als sei es völlig normal, nur mit einem Shirt bekleidet vor Fremden zu erscheinen. »Wollen wir alles beim Frühstück besprechen? Estelle hat allerdings frei und ihr müsst euch also mit Rührei begnügen.«
Nicht sicher, wie er mit der Situation umgehen sollte, blickte Nigel zu Violet. Die schien über die Veränderung ihrer Freundin wenig überrascht zu sein und nickte.
»Ich zeige Nigel gerade noch sein Zimmer und dann helfen wir dir.« Mit diesen Worten nickte sie ihm zu und ging ans rechte Ende des Raumes. Dort befand sich eine Tür, die Nigel bisher nicht aufgefallen war. Er trat an Violet vorbei ein und erlebte die nächste Überraschung des Tages. Sein Zimmer war der absolute Wahnsinn. Auch hier ersetzte eine Glasfront die Außenwand, und bot den gleichen atemberaubenden Ausblick wie der Rest des Hauses.
»Du gewöhnst dich dran«, hörte Nigel Violets Stimme hinter sich.
»Das ist …«, er schüttelte den Kopf und wandte sich seiner Arbeitgeberin zu, »… Geldverschwendung und völlig unnötiger Luxus. Aber an die Aussicht könnte ich mich gewöhnen.«
»Das glaube ich dir gern. Gegen das hier wirkt mein Zuhause winzig und bescheiden.«
»Kann ich nicht beurteilen«, sagte Nigel. Er hatte sich die Spitze nicht verkneifen können. Violet hatte ihn nie in ihr neues Heim eingeladen. Was sicherlich an seiner ablehnenden Haltung gegenüber Maxton lag. Sie reagierte mit gehobenen Brauen, schwieg aber.
Für Nigel genug Grund, sich wieder dem Zimmer zu widmen. Es hatte zwei Türen. Er öffnete die erste und trat in einen begehbaren Kleiderschrank, der größer war als das Bad in seiner Wohnung. Obwohl ihm klar war, dass er provozierte, fragte er: »Habt ihr reichen Leute alle ganze Zimmer für eure Klamotten? Kaum zu glauben, dass du früher mit einem Seesack ausgekommen bist.«
Violet streckte den Kopf durch die Tür. »Nö. Maxtons Haus war ursprünglich nicht für zwei Personen ausgelegt. Wir teilen uns ein Ankleidezimmer.«
»Ja, klar. Ihr Armen«, antwortete Nigel mit einem leichten Lachen. »Ihr leidet sicher sehr unter den beengten Verhältnissen.«
»Wir kommen zurecht.« Ihr Kopf verschwand wieder. »Los, schau dir noch das Bad an und dann gehen wir raus. Ich habe nämlich einen Bärenhunger und will nach Hause.«
Nigel kam aus dem Ankleidezimmer und stellte seine Tasche auf das überdimensionale Bett, das den Raum dominierte. Kommentarlos ging er ins Bad, schloss die Tür und sperrte Violet aus. Er brauchte einen Moment für sich. Natürlich hatte er gewusst, in welchem Luxus er arbeiten würde. Schließlich hatte Sam ihm letztes Jahr einen Job bei einem dieser reichen Schnösel besorgt. Das war es auch gar nicht, was ihm gerade so zusetzte.
Es war der Gedanke, dass Violet diese ganzen Annehmlichkeiten für selbstverständlich zu halten schien. Dieser Umstand wollte einfach nicht zu der Frau passen, in die er sich vor Jahren verliebt hatte.
Und dann war da noch Grace – oder besser Ms Farell. Auch bei ihr schien nichts zusammenzupassen. Job hin oder her: Die Frau, die in der Küche Rührei zubereitete, war voll und ganz nach seinem Geschmack. Natürlich und ungeschminkt. Ein normales Mädchen, das normale Dinge tat.
Schwer seufzend stützte er sich aufs Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Die Eskapaden der letzten Wochen hatten glücklicherweise kaum Spuren hinterlassen. Wenn man von den dunklen Augenringen absah. Aber die würden niemandem auffallen, der ihn nicht genau kannte.
Reiß dich zusammen, Nigel. Diese Frau ist dein Auftrag und wenn du ehrlich bist, ist es lange her, dass du auf solche Frauen gestanden hast. Er schnaubte. Tatsächlich war er sich gar nicht mehr sicher, was ihm wirklich gefiel. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal nüchtern mit einer Frau zusammen gewesen war. Geschweige denn mit einer, an der ihm mehr gelegen hatte als die schnelle Nummer, die ihr Körper ihm versprach.
Zusammen sein … Er schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. Fokus auf den Job, das war jetzt die Devise. Entschlossen, keine der beiden Frauen an sich heranzulassen, trat er zurück ins Zimmer. Violet war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich war sie zurück in die Wohnküche gegangen und dorthin folgte er ihr.

Kapitel 5 

Grace stand am Herd und spürte, dass er den Raum betreten hatte. Mit einem kurzen Schulterzucken versuchte sie, das Kribbeln im Nacken loszuwerden, das seine Anwesenheit ihr verschaffte.
Egal, wie sie es drehte und wendete: was sie hier tat, war nicht in Ordnung. Sie hätte niemals nur mit diesem Shirt bekleidet in die Küche kommen dürfen. So ein Verhalten ziemte sich nicht für Ms Farell. Genau da lag allerdings ihr Problem: Sie war sich nicht mehr sicher, ob Grace Farell das war, was sie für den Rest ihres Lebens sein wollte.
Und Schuld war dieser Bodyguard. Er ging ihr nicht aus dem Kopf. Natürlich war ihr klar, woran das lag. Er sprach etwas in ihr an, das sie längst für vergessen gehalten hatte. Den Teil, den Daltons Erziehung ihr ausgetrieben und den sie größtenteils bereitwillig losgelassen hatte. Und das aus gutem Grund. Nie wieder würde ein Mann ihr irgendetwas vorschreiben. Das war mit Daltons Tod endgültig vorbei. Dennoch war irgendwo tief in ihr etwas erwacht, das diesem Mann unbedingt gefallen wollte.
Mit einem letzten Schwung wendete sie die Eier und verteilte sie auf drei Tellern. »So, Frühstück!«, sagte sie mit mehr Enthusiasmus in der Stimme, als sie empfand. Denn wenn sie sich ihre Situation vor Augen führte, gab es eigentlich nichts Erfreuliches. Immer wieder zerbrach sie sich den Kopf darüber, wer sie bedrohen könnte, doch ihr wollte einfach niemand einfallen.
Auch der kommende Tag versprach alles andere, als amüsant zu werden. Zuerst musste ihr neuer Beschützer in alle Details ihres Lebens eingeweiht werden, danach stand ein Termin mit der Polizei an. Wenigstens blieb ihr ein Besuch auf dem Revier erspart. Dank Violet würden die Beamten hierherkommen.
Routiniert nahm sie die drei Teller und brachte sie zu dem überdimensionalen Tisch. Hier fanden zwanzig Leute Platz, und sie hasste es, sich daran zu setzen. Das lag mit Sicherheit an den unzähligen Abenden, die sie hier mit Dalton verbracht hatte. Immer bemüht, die liebende, treu sorgende Ehefrau zu spielen, die sie nicht war. Treu sorgend schon, aber nicht liebend.
Sie verscheuchte Dalton aus ihren Gedanken und wandte sich der Gegenwart zu. Und damit einem weiteren Mann, der ihre Welt in den kommenden Wochen beeinflussen würde. Dieser Umstand zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben: erst ihr Vater, dann ihr Bruder, anschließend Dalton und jetzt dieser Nigel. Sie versuchte, sich an seinen Nachnamen zu erinnern, er fiel ihr aber nicht ein. Sie schielte unauffällig zu ihm hinüber. Von seiner Anziehungskraft hatte er nichts eingebüßt. Wenn überhaupt, wirkte er heute noch attraktiver als gestern.
Und genau wie gestern zeigte sich in seiner Miene eine Spur Verachtung. Für seine Umgebung und wahrscheinlich auch für sie. Das gefiel ihr nicht. Er hatte keine Ahnung, was sie alles durchgemacht hatte, um es hierher zu schaffen.
Da sie das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen, fragte sie beiläufig: »Wie sprechen wir uns an? Mit Vornamen oder Nachnamen? Ich hatte noch nie einen Bodyguard und bin nicht sicher, welche Förmlichkeit da üblich ist.«
Sie sah, wie er kurz die Stirn in Falten legte, bevor er antwortete: »Das liegt ganz in Ihrem Ermessen.«
Nickend stellte sie die Teller ab und setze sich an die Stirnseite des Tisches. Violet und Nigel hatten links und rechts davon Platz genommen. Drei dampfende Tassen Kaffee standen bereit und sie nahm erst einmal einen tiefen Schluck, während sie nachdachte. Bei Violet war die Lage klar. Schließlich kannten sie sich schon seit einer Ewigkeit. Und bei Sam gestern hatte sie automatisch den Vornamen benutzt, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Doch aus irgendeinem Grund scheute sie davor zurück, mit diesem Mann genauso vertraut umzugehen. Sie hatte das Gefühl, das würde ihm zu viel Macht über sie geben. Sie erwischte sich dabei, wie sie sich vorstellte, er würde ihren Namen sagen. Ein wohliges Kribbeln breitete sich von ihrer Brust bis in ihren Magen aus und weiter …
Sie hob den Kopf und straffte sich. Das war lächerlich. Sie sollte ihn nicht anders behandeln als Sam. Schließlich würde er über Wochen, wenn nicht sogar Monate, ihr Beschützer sein.
Also sagte sie: »In dem Fall bin ich Grace. Ist Nigel okay für Sie?«
Er nickte, aber sie konnte an seinem ausdruckslosen Gesicht nicht ablesen, was er dachte.
»Da das nun geklärt ist«, übernahm Violet das Ruder, »kommen wir gleich zur Sache, oder? Ich denke, es ist in unser aller Interesse, wenn Nigel alle Einzelheiten kennt, bevor die Polizei hier eintrifft.«
Grace nickte und sah, wie Nigel es ihr gleichtat.
»Gut.« Violet griff nach einer Mappe und legte sie geöffnet in die Tischmitte. »Das sind Kopien der beiden Drohbriefe, die gestern und vorgestern hier angekommen sind. Die Originale befinden sich bei der Polizei und werden derzeit noch untersucht. Im Moment kann ich aber schon sagen, dass der Absender nicht feststellbar ist: keine Fingerabdrücke.«
Frustriert schloss Grace für einen Moment die Augen. Natürlich kannte sie die Briefe. Sie hatte sie ja selbst geöffnet. Der Anblick ließ sie immer noch erschaudern, auch wenn es sich hier um Kopien handelte. Darin bedrohte jemand ihr Leben. Nur mit äußerster Disziplin gelang es ihr, ruhig zu bleiben. Sie hatte keinen Schimmer, was vor sich ging, oder wen sie sich zum Feind gemacht haben könnte.
Die Buchstaben waren ganz altmodisch aus Zeitschriften ausgeschnitten und zusammengeklebt worden. In bunten Lettern prangten dort die Worte:

Du bist die Nächste, Bitch!

»Und wir sind sicher, dass es kein Scherz ist?« Nigel griff nach einem der Blätter und begutachtete es.
»Wenn Dalton nicht gerade ermordet worden wäre«, antwortete Violet, »würde ich mir weniger Sorgen machen, aber so …« Sie schüttelte den Kopf. »Das hat etwas zu bedeuten.«
Grace war verdammt froh, dass es ihr gelang, die Fassung zu bewahren. »Ihre nächste Frage ist sicher, ob ich Feinde habe. Und die Antwort ist: Keine, von denen ich wüsste. Aber ich hätte auch geschworen, dass Dalton keine Feinde hat. Menschen, die ihn nicht mögen, sicher. Aber jemand, der ihn umbringen würde?« Geräuschvoll knallte sie ihre Gabel auf den Teller. »Da habe ich mich wohl geirrt. Wie es scheint, hatte er seine Finger in illegalen Machenschaften, was ihn wahrscheinlich das Leben gekostet hat.« Grace bemerkte, dass ihre Stimme zu laut wurde. Zusätzlich brannten ihre Wangen und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Jetzt nur nicht aufregen. Ruhig bleiben und atmen war die Devise. Nigel hatte die Frage nicht mal gestellt und sie explodierte. Er wollte ihr nichts Böses und machte nur seinen Job.
»Es tut mir leid, Ma’am. Ich wollte Ihnen keinesfalls zu nahe treten.« Er schenkte ihr ein kleines Lächeln, genau wie gestern. Es stand ihm verdammt gut. Inzwischen war sie sich fast sicher, dass es daran lag, dass er nur einen Mundwinkel nach oben zog, es aber dennoch seine Augen erreichte. Irgendwie sexy. Ihr war auch nicht entgangen, dass er sie Ma’am genannte hatte. Ob ihr das gefiel oder nicht, hatte sie noch nicht entschieden.
»Schon gut. Ich bin nur …« Sie zwang sich zur Ruhe. »Die letzte Woche hat mich sehr mitgenommen und ich fürchte, ich bin ein wenig dünnhäutig.«
»In Ihrer Situation nicht verwunderlich, würde ich sagen.« Er lächelte noch einmal und sagte dann: »Also keine Feinde. Was muss ich noch wissen? Sie sagten etwas von illegalen Machenschaften?«
»Dalton hat irgendwas mit Immobilien gemacht.« Sie stieß ein Geräusch irgendwo zwischen Lachen und Seufzen aus. »Ich weiß tatsächlich nicht genau, womit mein Mann eigentlich sein Geld verdient hat.« Ihr Blick traf Nigels und sie sah darin ein kurzes Aufglimmen, das sie veranlasste, noch ein wenig mehr zu sagen. »Bevor Sie es sagen: Ja, das war naiv.«
Zu ihrer Überraschung schüttelte er den Kopf. »Ganz und gar nicht. Sie haben sich nichts vorzuwerfen.«
Gespannt wartete sie darauf, dass er weitersprach, aber das tat er nicht. Zu gern hätte sie gewusst, was er wirklich dachte. Denn sie hatte sich die Verachtung in seinen Augen nicht eingebildet, dessen war sie sich sicher.
»Was wissen wir über seine Verbindungen? Organisiertes Verbrechen?« Nigel hatte seine Frage nicht an Grace, sondern an Violet gerichtet.
»Bisher nicht viel. Die Unterlagen liegen beim L.A.P.D. und ich hoffe, dass die Cops uns gleich mehr dazu sagen können. Aus Daltons E-Mail-Verlauf geht wohl hervor, dass er in den Kauf einiger Gebäude investieren wollte und deshalb bedroht wurde. Von wem genau, weiß ich nicht. Wie gesagt, eventuell erfahren wir später mehr.«
Grace war der Hunger vergangen. Einerseits hoffte sie, dass die Polizei endlich eine Spur hatte und der Albtraum ein Ende nahm. Andererseits hatte sie Angst vor neuen Enthüllungen. Am Ende war ihre Lage noch schlimmer, als gedacht. »Der Fall ist doch sicher schon so gut wie gelöst, oder? Warum sonst die Drohbriefe? Doch sicher nur, um die Cops auf eine falsche Fährte zu lenken.« Grace merkte, dass die Panik ihre Stimme schon wieder schriller klingen ließ. Sie hob den Kopf und sah, dass Nigel sie genau beobachtete. Ihre Blicke trafen sich und was sie sah, überraschte sie. Da war Verwirrung und noch etwas, das sie nicht deuten konnte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie seine Hand auf dem Tisch ein klein wenig in ihre Richtung zuckte. Wollte er sie tröstend auf ihre legen? Es hatte fast den Anschein. Doch der Moment verging, als Violet etwas sagte.
»Die Cops wollen in dreißig Minuten hier sein. Wie wäre es, wenn du dich zurechtmachst, während Nigel und ich schnell aufräumen und ich ihm noch die obere Etage zeige? Willst du hier mit ihnen reden?«
Um auf andere Gedanken zu kommen, nickte Grace. Violet hatte recht. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als sich darüber Gedanken zu machen, wie ihr Bodyguard sie ansah. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihr Blick noch einmal zu seiner Hand glitt, die jetzt wieder ruhig auf der Tischplatte lag.
Kopfschüttend griff sie nach ihrer Tasse und leerte sie in einem Zug. »Ja, so machen wir es.« Das Ei hatte sie kaum angerührt. Wie fast jedes Essen in der letzten Woche. Dalton hätte sich sicherlich darüber gefreut. Immer wieder hatte er ihr in den Ohren gelegen, dass sie die Dreißig überschritten hätte und ab jetzt mehr für ihr Aussehen tun müsse. Niemals ungeschminkt das Haus verlassen, auf Kohlehydrate verzichten und mindestens viermal die Woche zum Sport.
Sie sah zu den Eiern auf ihrem Teller und lächelte gequält. Sie sollte endlich wieder damit anfangen, zu essen, was sie mochte. Zum Frühstück war das schon immer eine Scheibe Weißbrot mit Erdnussbutter und Banane gewesen. Gleich heute würde sie die Zutaten kaufen. Genau wie eine riesengroße Flasche Ketchup. Den hatte Dalton auch aus ihrem Speiseplan gestrichen. Für ihn war Ketchup das Sinnbild ihrer einfachen Herkunft gewesen.
Verdammt, jetzt dachte sie schon wieder an Dalton. Energisch stand sie auf. »Ich geh dann mal.« Mit diesen Worten lief Grace Richtung Treppe.
Erst als sie unter der Dusche stand, erlaubte sie ihren Gedanken, zu Nigel zu wandern. Sie konnte nicht leugnen, dass er ihr gefiel. Zu Highschoolzeiten hätte sie ihn mehr als nur anziehend gefunden. Allein dieses Lächeln … Was machte sie sich eigentlich vor: Sie hätte sich Hals über Kopf in ihn verknallt. Seine selbstsichere Art hätte genügt, um sie magisch anzuziehen. Und sie verfehlte auch heute ihre Wirkung nicht. Seine Masche, selbst eine Entschuldigung anmaßend klingen zu lassen, ließ ihr Innerstes vibrieren. Er wusste, wer er war und schien über den Dingen zu stehen.
Doch leider hatte die Erfahrung gezeigt, dass solchen Männern alles egal war. Das Leben, der Job, ihre Gesundheit oder die Frau an ihrer Seite. Sie neigten zum Trinken und zur Selbstzerstörung. Und was das Schlimmste war: Auf ihrem Weg nahmen sie jeden mit, der ihnen nahekam. Sie hatte viel aufgegeben, um aus dieser Abwärtsspirale zu entkommen. Sie durfte sich nicht von einem hübschen Gesicht und einem aus Granit gemeißelten Körper wieder hineinziehen lassen.
Wenn er zumindest ein guter Bodyguard war: schön. Schlimm genug, dass es offensichtlich einfacher war, über diesen Mann nachzudenken, als darüber, wer ihr Leben bedrohte. Mit einem Kopfschütteln stellte sie die Dusche ab und wickelte sich in ein flauschiges Handtuch. Wenigstens hatte der Vormittag gezeigt, dass Violet recht behalten hatte. Nigel war nüchtern und schien wachsam und intelligent zu sein. Und heiß! Vergiss wahnsinnig heiß nicht. Sie lächelte über diese kleine Stimme in ihrem Inneren. Nein, das konnte sie wirklich nicht vergessen.